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Was Sie über Beit Jala wissen müssen

09.01.2011

Von Axel Becker
http://in-gl.de/2011/01/09/beit-jala/

Zur Geschichte Beit Jalas

Die Stadt Beit Jala besteht seit Tausenden von Jahren; sie liegt auf einem Hügel in unmittelbarer Nachbarschaft von Bethlehem. Ihre christliche Gemeinschaft ist eine der ältesten in der Welt.

Der Name ‘Beit Jala’ kommt aus dem Aramäischen und bedeutet “Gras-Teppich”. Anthropologische Funde zeigen, dass in der Umgebung von Bethlehem seit prähistorischen Zeiten, sogar weit zurück bis in die Steinzeit vor 200.000 Jahren, Menschen  gelebt haben.  Über die ersten dauerhaften Siedlungen in Beit Jala ist wenig bekannt, aber es ist wahrscheinlich, dass die Kanaaniter sich dort ungefähr 3.000 v. Chr., zur selben Zeit wie im benachbarten Bethlehem, niedergelassen haben.

Beit Jala ist vermutlich eine von mehreren möglichen Orten für die biblische Stadt Gilo, die in Josua 15,51 und in 2. Samuel 15,12 erwähnt wird.

Die ältesten erhaltenen Ruinen einer größeren Gemeinschaft weisen in die frühe christliche Periode des 3. – 4. Jahrhunderts n. Chr., als Mönche wie der heilige Nikolaus begannen, in diese Gegend zu kommen, um dem Geburtsort von Jesus nah zu sein. Der große Hügel, auf dem Beit Jala gelegen ist, war ein guter Platz für ein Kloster nahe am Geburtsort Jesu, aber außerhalb der Stadt Bethlehem. Mit  Hilfe der wenigen Ortsansässigen, die bereits in Beit Jala lebten, bauten sie das Kloster St. Georg, dessen Ruinen noch unter der Kirche von St. Nikolaus besichtigt werden können, ebenso wie  die Höhle, in der, wie man annimmt, Nikolaus gelebt hat. Mit dem Bau des Klosters beschleunigte sich das Wachstum der Stadt darum herum. Beit Jala ist seitdem ständig von Christen bewohnt.

Das Klostergebäude selbst wurde mehrere Male zerstört und wieder aufgebaut, weil Beit Jala im Laufe der Zeit viele zerstörerische Veränderungen erfuhr und die Bürger von Beit Jala über mehrere Perioden Bürgerkrieg oder Verfolgung erlitten. Im Jahr 529 n. Chr. wurden Bethlehem und Beit Jala während der Revolte der Samaritaner unter Julianus ben Sabar geplündert. Im Jahre 637 eroberte der Kalif Umar der Große das komplette Gebiet einschließlich Jerusalem, aber er verschonte dabei die christlichen und jüdischen Gemeinschaften. Im Jahre 1099 ersetzten die kürzlich angekommenen Kreuzfahrer den griechischen orthodoxen Klerus durch einen katholischen, aber sie wurden durch Saladin im Jahre 1187 wieder vertrieben.

Im Jahre 1516 eroberten die Osmanen Palästina und regierten das Land vier Jahrhunderte lang. Auf dem Höhepunkt des osmanischen Reiches im 16. und 17. Jahrhundert genossen die Palästinenser ein sicheres und wohlhabendes Leben. Als jedoch das Reich zu stagnieren und zusammenzubrechen begann, wurde das Leben unter ihrer Herrschaft sehr schwierig. Das Reich legte der Bevölkerung riesige Steuern auf und zwang die Bevölkerung, die Truppen der Armee zu versorgen.

Im Jahre 1831 eroberte Mohammed Ali von Ägypten das Gebiet und  regierte es bis zum Jahre 1840, als die Türken mit Hilfe der Briten und Österreicher die Herrschaft wiedergewannen. Infolge dieser sozialen Verwerfungen verließ während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine große Anzahl von Palästinensern und zwar besonders aus Beit Jala, Bethlehem, Beit Sahour und Beit Safafa das Land  nach  Südamerika. Bis heute sind Chile und Argentinien die Heimat von circa 400.000 Palästinensern, die dort in der Diaspora leben und fast alle aus dem Gebiet von Bethlehem stammen.

Als Gegenleistung für ihre Hilfe bei der Besiegung von Mohammed Ali erlaubten die Osmanen europäischen Kirchen und Organisationen, sich in Palästina niederzulassen. Britische Anglikaner, preußische Lutheraner, französische Katholiken und russisch-orthodoxer Klerus begannen, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser im Heiligen Land zu errichten. Die biblische  Geschichte der Gegend von Bethlehem zog die besondere Aufmerksamkeit der Missionare an, und sie begannen, in Beit Jala einige der ersten modernen Schulen und Kirchen  in der Umgebung  zu gründen.

In der Zeit von 1848 bis 1900 erlebte Beit Jala die Errichtung von zwei orthodoxen Kirchen (St. Nicolas und St. Mary), von zwei katholischen Kirchen (Church  of the Annunciation and Bishara Church of the Latin Convent), einer lutherische Kirche (Church of the Reformation),  des ersten katholischen Priesterseminars in Palästina und der seinerzeit modernsten Schule (The Latin Patriarchate) sowie des Klosters Cremisan.

Damals gab hatte Beit Jala Zugang zu den fortschrittlichsten Bildungseinrichtungen im Land – und das trug dazu bei, dass Beit Jala im Jahre 1912 als einer der ersten Orte von ganz Palästina als Stadtbezirk amtlich eingetragen wurde.

Nachdem schließlich das Osmanische Reich im Jahre 1917 zusammenbrach, wurde Palästina bis zum Jahre 1948 britisches Mandatsgebiet. Unter diesem Mandat erlebte ganz Palästina bedeutende Schritte zur Modernisierung, besonders beim öffentlichen Gesundheitswesen durch die Beendigung der Unterernährung, auf dem Gebiet des Telegrafensystems und des Eisenbahnwesens. Die Briten sträubten sich jedoch dagegen, lokale arabische Führern an der Regierung mitzuwirken zu lassen, und verweigerten der Bevölkerung eine repräsentative Regierung.

Inzwischen ließ sich eine große Anzahl von zionistischen Einwanderern an der Küste nieder und nahm zunehmend Einfluss auf die britische Verwaltung. Zwischen den Weltkriegen vergrößerte sich die jüdische Bevölkerung Palästinas von einem Sechstel auf ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Es entstanden Spannungen zwischen Juden und Arabern, weil die Errichtung eines jüdischen Staates in einem  Land mit mehrheitlich arabischer Bevölkerung  immer wahrscheinlicher wurde.

Aufstände gab es überall in Palästina, und während der „Großen arabischen Revolte“ in den Jahren 1936-1939 verloren die Briten die Kontrolle über große Teile des Landes. Im Jahre 1947 übertrugen die Briten das Problem den Vereinten Nationen, die sich entschlossen, Palästina in zwei Staaten zu teilen. Am Tag bevor das britische Mandat am 15. Mai 1948 auslief, erklärte Israel seine Unabhängigkeit. Libanon, Syrien, Irak, Jordanien und Ägypten fielen sofort in das Land ein, und die palästinensische „Nakba“ (Vertreibung) begann.

Mit Israels Sieg im Krieg von 1948 kamen Beit Jala und Bethlehem unter jordanische militärische Besatzung. Die  Bevölkerungszusammensetzung von Beit Jala änderte sich drastisch infolge der „Nakba“ und ebenso nach dem Sechstagekrieg von 1967, als die Stadt von Flüchtlingen überschwemmt wurde, die vor den israelischen Truppen flohen. Beit Jala nahm eine bedeutende moslemische Minderheit auf, und zwei Moscheen, die Beit Jala Moschee und die Imam Ahmen bin Hanbol Moschee, wurden gegründet.

Im Anschluss an den Krieg von 1967 besetzte Israel das Westjordanland. Israel annektierte 3.147 dunums oder 22 % des Landes von Beit Jala, um die Grenzen Jerusalems neu zu ziehen. Im Jahre 1971 wurden weitere 3.527 dunums (24 %) des Gebiets von Beit Jala beschlagnahmt, um die Siedlungen von Gilo und Har Gilo zu bauen. Diese  Landkonfiszierungen und die allgemeine Unterdrückung durch die Besatzung trugen zum Ausbruch der ersten Intifada im Jahre 1987 bei.

Während der zweiten Intifada boten die Hügellage von Beit Jala und der Panoramablick auf das Umland eine vorteilhafte  Stellung, von der aus Kämpfer auf die nahe gelegenen  israelischen Siedlungen schießen konnten. Während der israelischen ‘Operation Verteidigungsschild’ zogen sich die Kämpfer in die Geburtskirche von Bethlehem zurück, die die israelischen Truppen fünf Wochen lang belagerten.

In Beit Jala leben zurzeit ungefähr 17.500 Bürger, von denen die Mehrheit Christen und die übrigen vorwiegend Moslems sind.

Quelle: Webseite von Beit Jala
Übersetzung: Verein Bürger für Beit Jala