Reiseberichte

Marhaba, sadiiq – Hallo Freunde

10.06.2014

Von Heinz  D. Haun
http://in-gl.de/2014/06/10/marhaba-sadiiq-hallo-freunde/

Eine Gruppe von 29 Menschen reiste in eine der Partnerstädte Bergisch Gladbachs, nach Beit Jala, eine Stadt in direkter Nachbarschaft zu Bethlehem und  Jerusalem im Westjordanland mit ca. 15.000 Einwohnern, die zu 60 % christlichen Glaubens sind.

Ein volles Programm bot vielerlei Begegnungen mit Institutionen und Vertretern der Zivilgesellschaft in Palästina wie auch in Israel. Die Reise führte nach Bethlehem und Jerusalem (wo zeitgleich auch der Papst weilte), nach Hebron, Jericho, Nablus, zum Toten Meer und zum See Genezareth und zum Schluss nach Haifa und Tel Aviv. Die zahlreichen persönlichen Begegnungen hinterließen bei den Reisenden tiefe und z.T. erschütterte Eindrücke.

Denn Palästina zeigt sich als ein von der israelischen Besatzungsmacht planvoll zerrissenes Land. Nur die sogenannten A-Gebiete, in denen die meisten palästinensischen Städte liegen, unterstehen der palästinensischen Autonomiebehörde; im Westjordanland machen sie lediglich 18 % der Fläche aus. Auf 62 % der Fläche, der überwiegend ländlichen C-Zone, herrscht das israelische Militär. Das drückt sich z.B. darin aus, dass hier keine Baumaßnahmen bewilligt werden, weder für Gebäude und Brunnen noch für Infrastruktur (Straßen, Elektrizität, Wasserversorgung).

Israelischen Außenposten wachsen im besetzten Gebiet

In rapide steigendem Ausmaß werden im besetzten C-Gebiet, aber auch im städtischen Raum Jerusalems, zudem israelische „Außenposten“ und Siedlungen hochgezogen – man geht von 250 Siedlungen mit über 600.000 Einwohnern aus – ein klarer Verstoß gegen die 4. Genfer Konvention, wonach Besatzungsmächte die eigene Bevölkerung nicht im besetzten Gebiet ansiedeln dürfen.

Die teilweise acht Meter hohe Mauer, die sich im Wesentlichen im C-Gebiet durch das Land zieht, und z.B. in Beit Jala das bebaute Stadtgebiet einschnürt, wird begründet als Schutzwall vor möglichen palästinensischen „Terroristen“. In eigener Anschauung vor Ort wird jedoch deutlich, dass jeder „Bösgesinnte“ theoretisch alle Möglichkeiten hätte, die Mauer zu umgehen.

Tatsächlich durchtrennt die Mauer vielmehr fast durchgängig palästinensisches Land und behindert so die Bewohner, zu ihren Äckern zu gelangen. Wenn Agrarland aber über drei Jahre nicht bestellt wird, fällt es automatisch an den israelischen Staat, obwohl es nach wie vor palästinensisches Gebiet ist.

Wir Besucher waren bestürzt, mit eigenen Augen die Überreste eines Dorfes bei Jiftlik im Jordantal zu sehen, das wenige Tage zuvor bei einem Militäreinsatz von israelischen Bulldozern zerstört worden war.

Frisch planierte Äcker wo gerade noch Olivenbäume standen

Wir waren fassungslos, frisch planierte Äcker am Berg Daher südlich von Beit Jala zu sehen, die der palästinenschen Familie Nassar gehören, auf denen eine Woche zuvor noch einige hundert Obst- und Olivenbäume gestanden haben, die aber von  militärbeschützten Siedlern entwurzelt worden waren.

Auf dem Gelände betreibt die Familie u.a. das internationale Friedenscamp „Tent of Nations“; die „Grünhelme“ um Rupert Neudeck hatten hier eine Solaranlage errichtet, die der CDU-Abgeordnete Ruprecht Polenz 2009 eingeweiht hat. Die Zufahrtstraße zum Tent of Nations fanden wir mit abgekippten Felsbrocken blockiert vor.

Es ist sehr zu begrüßen, dass die Bundesregierung umgehend eine Aufklärung des Vorfalls und für die Zukunft ein Unterbleiben ähnlicher Vorfälle gefordert hat.

Wir konnten es kaum glauben, als Sumaya Farhat Naser, die palästinensische Wissenschaftlerin, Aktivistin und Autorin (die auch dem rheinischen Publikum 2012 über ihr „Buch der Stadt“ bekannt geworden ist) bei unserem Besuch bei ihr davon berichtete, dass viele der während der Kerry-Verhandlungen aus der Haft entlassenen Palästinenser inzwischen einer nach dem anderen von israelischen Tötungskommandos liquidiert worden seien.

„We refuse to be enemies“

Dennoch ist die einhellige Position der palästinensischen Menschen, denen wir begegnet sind, nicht  mit Gegengewalt auf die Aggressionen zu reagieren („Die 2. Intifada hat uns nicht wirklich weiter gebracht.“). Sie weigern sich geradezu Feinde zu sein („We refuse to be enemies“ – Losung im Tent of Nations) und wollen die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts nicht aufgeben.

Auch auf israelischer Seite sprachen wir mit Friedensaktivisten und Gegnern der Besatzung. Viele von ihnen sprachen von Israel als einer vorwiegend von militärischem Denken geprägten Gesellschaft. – Bei der allfreitäglichen Aktion der „Women in Black“ beteiligte sich die Gruppe spontan an einer Demonstration mitten in Jerusalem und forderte mit den Frauen „Stop the Occupation“.

Besuch in Yad Vashem

Wir besuchten in Jerusalem die Gedenkstätte Yad Vashem. Es erschien uns Besuchern durchaus nachvollziehbar, dass das im „3. Reich“ erlittene Trauma des Holocaust als eine Wurzel für das selbstbehauptende, aber rücksichtslose und illegale Verhalten der israelischen Führung angesehen werden kann. – Dabei kann aber doch eigentlich nur die eine zwingende Erkenntnis aus der Verfolgung und Ermordung der Juden durch Nazi-Deutschland gewonnen werden: Dass Menschenrechtsverletzungen nämlich überall und gegen egal welche Völker auch immer entschiedenen Widerstand herausfordern müssen.

Spontane Hilfe

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Reisegruppe verspürten nach diesen Erlebnissen und Erfahrungen den Impuls, etwas tun zu wollen – um Beistand zu leisten, Solidarität zum Ausdruck zu bringen, Öffentlichkeit über die tragische Situation herzustellen. Spontan wurde Geld gespendet zur Wiederaufforstung der Plantage der Familie Nassar („Sie haben uns 1500 Bäume ausgerissen, wir pflanzen die doppelte Anzahl neu!“).

Die Frage des Boykotts israelischer Produkte aus den besetzten Gebieten, zu dem auch viele palästinensische Organisationen aufrufen, obwohl Palästinenser als Tagelöhner in israelischen Fabriken und auf israelischen Farmen – in ihrem eigenen Land! – ihren Lebensunterhalt verdienen, wurde leidenschaftlich diskutiert. Leider gehört die Bundesrepublik im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht zu den Befürwortern einer Kennzeichnungspflicht der israelischen Produkte.