Reiseberichte

Für trilaterale Begegnungen ist die Zeit nicht reif

08.10.2015

Von Heinz D. Haun
http://in-gl.de/2015/10/08/trilateral-ganey-tikva-beit-jala-bergisch-gladbach/

Eine kleine Delegation war im Unheil-vollen Heiligen Land unterwegs: Petra Hemming, Vorsitzende des Städtpartnerschaftsvereins GL-Ganey Tikva, und ihr Partner Frank Jasching, Marion Linnenbrink, Leiterin des städtischen Presseamtes sowie Axel Becker und Heinz-D. Haun vom Städtepartnerschaftsverein GL-Beit Jala. Bürgermeister Lutz Urbach musste seine Teilnahme absagen, weil die Probleme mit der Aufnahme der Flüchtlinge in Bergisch Gladbach seine Anwesenheit in der Stadt notwendig machten.

Anlass der Reise war die Einladung des Bürgermeisters von Beit Jala, Nicola Khamis, zum International Peace Festival in seiner Stadt. Zunächst führte uns die Reise aber in die israelische Partnerstadt Bergisch Gladbachs, Ganey Tikva, östlich von Tel Aviv.

Der Anspruch, der sich für Axel Becker und mich mit der Reise verband, war es, auszuloten und zu einer Einschätzung zu kommen, ob trilaterale kulturelle Projekte mit Teilnehmern (Schülern wie Künstlern) aus Beit Jala, Ganey Tikva und Bergisch Gladbach möglich erscheinen und angebahnt werden können, hatte doch im Jahr zuvor eine gemischt israelisch-palästinensische Rollstuhl-Basketballmannschaft in Bergisch Gladbach zum Stadtfest aufgespielt.

Wenn also crossborder teamplay im Sport möglich sein kann, wieso dann nicht auch in der Kultur…?

In Ganey Tikva begegneten wir dem Theaterleiter Ika Sohar, der, noch bevor wir das Wort „trilateral“ erwähnten, uns damit verblüffte, ein solches Projekt aus dem Stand zu skizzieren. Wir rannten also bei Ika offene Türen ein…

Klar, dachte ich bei mir: im Sport sind solche Begegnungen möglich, weil es hier sowieso um Streit und Kampf geht, allerdings in streng geregelter und kanalisierter Weise, und in der Kultur, solange „die Politik nicht mit drin hängt“, wird so etwas auch möglich sein, weil Kunst und Kultur haben es immer mit Grenzerweiterungen und -überschreitungen zu tun…

Kultur und Kunst haben mit Politik zu tun

Weit gefehlt! Denn Kultur und Kunst haben es natürlich mit Politik zu tun! Das wurde uns recht schnell klar, als wir mit Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen in der Westbank sprachen. U.a. führte ich/führten wir eingehende Gespräche mit Mohammed Fararja, stellvertretender Geschäftsführer des Guesthouses Abrahams Herberge, Marina Barham, Leiterin des Al-Harah-Theatre in Beit Jala, mit Dr. Munib Younan, Bischof der Evangelisch Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land sowie mit Rolf Lindemann, dem Leiter der bilingual ausgerichteten Talitha-Kumi-Schule in Beit Jala.

Kern aller Statements war: Es ist momentan nicht die Zeit für Kooperationen mit Menschen von der anderen Seite der „Segregation Wall”. „Wir können nicht in dieser Woche zusammen mit Israelis Theater spielen und in der nächsten Woche schicken sie ihre Brüder mit Maschinenpistolen an unsere Türschwelle”,  erklärte Mohammed Fararja.

Unter Beschuss lösen sich alle Kontakte auf

Marina Barham sprach von früheren Kooperationserfahrungen mit israelischen Kulturschaffenden, die jäh ein Ende fanden, als Beit Jala plötzlich unter Beschuss war und sich niemand danach erkundigte, ob sie denn überhaupt noch lebten und wie es ihnen ginge. Empathie, Solidarität und Sorge hatten ihrer Erfahrung nach nur eine kurze Halbwertzeit.

Bischof Younan machte deutlich, dass die Zeit nicht reif sei: Erst wenn die Unterdrückung durch die israelische Besatzung beendet ist und eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe möglich werde, seien die Menschen bereit zur Kooperation und zu gemeinsamen Projekten.

Auch Schulleiter Lindemann hält die Verbitterung für zu groß, zumal die israelische Regierung nicht so wahrgenommen werde, dass sie auf Entspannung und Versöhnung aus sei, sondern vielmehr auf Konfrontation und das unumkehrbare Schaffen von Fakten – wie etwa der Weiterbau der Trennungsmauer durch palästinensisches Gebiet, der seit dem 17. August am Eingang zum Cremisantal auf Stadtgebiet von Beit Jala zum Entsetzen der Einwohner voranschreitet.

Gleichwohl wäre eine Begegnung deutscher Schüler mit israelischen und palästinensischen auf dem Schulgelände theoretisch möglich.

Der harte Test der Realität

Wenn eine Enttäuschung etwas ist, das eine Täuschung als solche erkennbar werden lässt, dann sind wir ent-täuscht, da unsere vielleicht naive Ausgangsidee sich derzeit als nicht realitätstauglich erweist.

Andererseits erbrachte unsere Reise den Kontakt zu einem undogmatischen israelischen Theatermacher mit einem interessanten methodischen Ansatz und auch auf palästinensischer Seite wurde von den Gesprächspartnern durchgängig betont, wie wichtig (wenigstens) bilaterale künstlerisch-kulturelle Begegnungen und Projekte für palästinensche Schüler wie Künstler wären, die alle Gesprächspartner in ihren Wirkungsfeldern nach Kräften unterstützen möchten.

Fazit: „Trilateral“ scheint derzeit nicht möglich zu sein – an bilateralen Vorhaben über die bestehenden Städtepartnerschaften zu Bergisch Gladbach besteht aber sowohl in Ganey Tikva als auch in Beit Jala und der Region nachhaltiges Interesse.