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Die Kunst des Älterwerdens

11.01.2013

Von Fabian Felder
http://in-gl.de/2013/01/11/die-kunst-des-alterwerdens/

William Hodali (77) stammt gebürtig aus Beit Jala. Er ist Mitglied des Seniorentheaters in der Altstadt SeTA e.V. in Düsseldorf und wird mit seiner Gruppe am 24. Februar 2013 im THEAS Theater gastieren. Ich habe ihn zum Interview getroffen.

Felder: Herr Hodali, Sie sind Mitglied des Seniorentheaters in der Altstadt SeTA e.V. in Düsseldorf. In Ihrem Theaterstück “Die Bremer Stadtmusikanten”, das am 24. Februar 2013 im THEAS Theater zu sehen sein wird, spielen Sie eines der bekannten Tiere, die langsam auch älter geworden sind und auf ihre letzten Tage nach neuen Herausforderungen suchen. Wie entstand die Idee dazu?

Hodali: Unsere junge, professionelle Regisseurin, mit der zusammen wir jedes Jahr eine einzige Produktion erarbeiten, hat drei Jahre lang das Oberthema: “Menschen angesichts der Herausforderungen, die das Alter stellt” mit uns bearbeitet. In diesem Zyklus stand 2010 ein wenig bekanntes Stück, dann 2011 das Stück “Die Bremer Stadtmusikanten” (unsere Eigenproduktion, deren Texte wir selbst erstellt haben), und 2012 das Drama “Der Meteor” von Friedrich Dürrenmatt.

Felder: Wenn Sie das Stück in einem Wort beschreiben müssten, welches wäre das?

Hodali: Herausforderung.

Felder: Das Stück greift auch auf biografische Bezüge der Darsteller zurück. Sie kommen gebürtig aus Beit Jala, der palästinensischen Partnerstadt Bergisch Gladbachs. Können Sie uns eine Vorstellung davon geben, wie man sich das Älterwerden dort vorstellen muss? Welche Perspektiven gibt es  für Ältere? Sie spielen mit Theater mit 77 Jahren.

Hodali: Die Alterspyramide sieht in Palästina grundsätzlich völlig anders aus als etwa in Deutschland. Die Bevölkerung ist im Durchschnitt sehr jung, die durchschnittlichen Kinderzahlen in den Familien sind in jedem Fall noch höher als hier, Kinderlosigkeit in Ehen, wenn sie überhaupt vorkommt, hätte andere Gründe.

Das Sozialversicherungssystem ist im Vergleich zu Deutschland noch wenig ausgebaut, dies betrifft auch die Absicherung durch die Altersrente. So ergibt es sich, anders als hier, dass es keine starre Grenze für den Übergang in einen “Ruhestand” gibt, sondern dass die Menschen in der Regel so lange arbeiten, wie es ihre Gesundheit erlaubt. Wenn dies nicht mehr geht, so werden sie teilweise innerhalb ihrer Familie unterstützt.

Es gibt mittlerweile auch Seniorenheime, jedoch weniger als hier. – Ältere Menschen sind unter diesen Umständen oft sehr lange auch noch kreativ tätig, und sie beraten die jüngeren, die diesen Rat gerne annehmen. Sie genießen in der Regel hohen Respekt. Die Rolle des Großvaters und der Großmutter wird als sehr wichtig angesehen, innerhalb der Familien spielen sie in dieser Eigenschaft oft eine sehr wichtige Rolle. Andererseits nimmt auch die Berufstätigkeit der Frauen in den Familien zu, so dass die Pflege älterer Familienangehöriger sich nicht mehr so vergleichsweise unkompliziert gestaltet wie in früheren Generationen. –

In Beit Jala speziell kenne ich eine Einrichtung für ältere Menschen (“Senior Citizens’ Society”), bei deren Auf- und Ausbau ich selbst durch vermittelnde Arbeit mithelfen konnte. Diese Institution ist eine Art Tageszentrum, in dem ältere Menschen sich begegnen und ihre Zeit sinnvoll gestalten können. Sie ist mit ihrem speziellen Angebot für ältere   F r a u e n    relatives Neuland. – Frauen, die, nachdem ihre Kinder groß geworden sind, Freiräume für außerfamiliäre Aufgaben haben, können sich z. B. in der “Women Child’s Care Society” karitativ betätigen. (Diese besteht übrigens schon seit 1923.)

Felder: Sehen Sie Gemeinsamkeiten oder Unterschiede im Jung- bzw. Altsein in Beit Jala?

Hodali: Selbstverständlich bleibt es nicht aus, da sich – überall in der Welt – mit jeder Generation die Lebensumstände und die Erwartungen an das Leben ändern, dass zwischen Alt und Jung auch Konflikte auftauchen. Wenn es dann um das Wohl der gesamten Familie geht, so ziehen alle an einem Strang. Wenn es um die Bedürfnisse der Einzelnen geht, dann sind Kräche und Dispute unausweichlich.

Felder: Welche Rolle spielt der „große Krach“, der Nahostkonflikt, dabei?

Hodali: Die gegenwärtige, ich meine, die seit 1967 bestehende politische Situation in ganz Palästina zehrt an den Nerven der Menschen dort. Daher lassen sich auch letztlich politisch begründete Konflikte innerhalb der Familien nicht vermeiden. Die älteren Menschen möchten ihr Leben in Ruhe und in Frieden verbringen, während die Jugend – heißspornig – den Feind auf seine Landesgrenzen vor 1967 zurückdrängen möchte. Ich denke, wenn einmal der Konflikt beigelegt ist, werden auch die jungen Leute friedlich mit ihrem Nachbarn leben möchten.

Felder: Worin besteht für Sie die größte Erfüllung im Alter?

Hodali: Mich darüber zu freuen, dass es meiner Familie weiter gut geht. Ich möchte weitermachen wie bisher, den Sinn des Lebens genießen – alternd spielen, spielend altern.

Felder: Herr Hodali, Sie erwähnen es gerade perfekt für einen runden Abschluss und nehmen mir meine Frage aus dem Mund: worin besteht Ihrer Meinung nach der Sinn des Lebens?

Hodali: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich mir üblicherweise diese Frage überhaupt nicht stelle und dass ich sie mir auch aktuell gar nicht gestellt habe. Jedoch, wenn ich mich bemühe, jetzt wirklich einmal darüber nachzudenken, so antworte ich wie folgt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ich möchte das Leben so gestalten wie bisher, meinen Ehepartner respektieren und harmonisch mit ihm leben, für die eigene Familie da sein, meinen Mitmenschen behilflich sein, wann und wo ich kann.

“Tu Gutes und dann, vergiss es.”